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DAS NERVENSYSTEM

Lerne dein Nervensystem kennen. Das eingebaute Sicherheitssystem


Unser Nervensystem ist das in uns eingebaute Sicherheitssystem, das unsere Vorfahren am Leben gehalten hat, damit sie ihre Gene weitergeben konnten. Es ist darauf ausgerichtet, Informationen aus unserer Umwelt aufzunehmen und sie als "sicher" oder "gefährlich" zu kategorisieren. Dieses System umfasst das Gehirn und die zahlreichen Nerven, die sich wie Wurzeln durch unseren gesamten Körper ziehen.

Die Hierarchie unseres autonomen Nervensystems

Die Reaktionen unseres autonomen Nervensystems sind hierarchisch strukturiert. Unser autonomes Nervensystem (ANS) besteht aus drei Systemen: dem vorderen (ventralen) Vagus, dem Sympathikus und dem hinteren (dorsalen) Vagus. Diese sind für verschiedene Zustände verantwortlich:


  1. Sicherheit In diesem Zustand wird die Umgebung von unserem Nervensystem als sicher erachtet, und der ventrale Vagusast im Parasympathikus ist aktiv. Das Resultat ist eine innere Ruhe, Kreativität, soziale Verbundenheit und eine reibungslose Funktion unserer Organe. Wenn unser Nervensystem in diesem Zustand ist, fühlen wir uns entspannt und sicher. Es ist der ventrale Vagus, der aktiv ist und unsere innere Welt in einen harmonischen Einklang bringt. Eine bemerkenswerte Eigenschaft dieses Zustands ist die Art und Weise, wie wir Probleme angehen. Wir sind geneigt, sie sozial zu lösen, indem wir kooperieren und kommunizieren. Der Fokus liegt auf zwischenmenschlichen Beziehungen und kreativen Lösungsansätzen. Unser Nervensystem signalisiert uns, dass es Zeit ist, sich auf höhere Ziele zu konzentrieren und die Welt um uns herum zu erkunden. Es ist der Zustand, in dem wir uns in einem Gefühl von Geborgenheit und Wohlbefinden wiederfinden. Die Aktivierung des ventralen Vagusast im Parasympathikus ist ein Schlüssel zu diesem Zustand der Ruhe und Sicherheit. Dieses Verständnis kann uns helfen, bewusster darauf hinzuwirken und unsere Lebensweise so anzupassen, dass sie diese innere Harmonie fördert.

  2. Kampf - Flucht Dieser Zustand tritt ein, wenn unser Nervensystem eine potenzielle Bedrohung erkennt. In dieser Situation geht unser Denkhirn praktisch offline, während sich der Körper für den Kampf oder die Flucht mobilisiert. Stresshormone werden freigesetzt, und nicht lebenswichtige Funktionen unseres Organismus werden gestoppt. Im Zentrum dieses Zustands steht die Aktivierung des Sympathikus, der den Körper auf Hochleistung trimmt. Der Blutdruck steigt, die Atmung beschleunigt sich, und wir sind bereit für intensive körperliche Aktivität, sei es, um gegen die Bedrohung zu kämpfen oder vor ihr zu fliehen. In diesem Zustand werden Kommunikation und Kooperation weniger wichtig, da der Körper auf Mobilisierung ausgerichtet ist. Unser Nervensystem signalisiert, dass es Zeit ist, schnell zu handeln und sich selbst zu schützen. Dieser Zustand ist oft mit Stress, Angst und Burnout verbunden und zeigt, wie dynamisch und anpassungsfähig unser Nervensystem auf verschiedene Umweltreize reagieren kann.

  3. Lebensbedrohung - Erstarrung In lebensbedrohlichen Situationen wird der dorsale Vagusast im Parasympathikus aktiviert, und unser Nervensystem tritt in einen Zustand völliger Erstarrung ein. In diesem Zustand verlangsamen sich alle Körperfunktionen, die Gehirnaktivität wird heruntergefahren, und der Blutfluss verlangsamt sich erheblich. Dieser Zustand des Erstarrens kann zu einem starken Gefühl der Taubheit führen und lässt uns von unserem eigenen Körper entfremdet erscheinen. Er ist typisch für Depression und Dissoziation, wobei wir uns von unserer Umgebung und unseren eigenen Empfindungen entkoppelt fühlen. Erstarren ist eine Reaktion auf eine Überforderung des Nervensystems, bei der Mobilisierung nicht ausreicht oder nicht möglich ist. In solchen Momenten tritt der dorsale Vagusast als das primitivste aller Schutzsysteme in Aktion und versetzt uns in einen Zustand der völligen Handlungsunfähigkeit. Dies verdeutlicht die beeindruckende Bandbreite der Reaktionen unseres Nervensystems auf unterschiedliche Stressoren und Umweltreize.


Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges erforscht die biologischen Reaktionen unseres Körpers und Gehirns auf Sicherheit und Gefahr. Sie bietet eine umfassende Möglichkeit, Trauma- und Stressreaktionen zu verstehen und unser Nervensystem zu regulieren und zu beeinflussen.


Sicherheit zeigt sich im Gesicht


Für die Polyvagal-Theorie ist der ventrale Vagus von großer Bedeutung. Der ventrale Vagus, auch als soziales Nervensystem bezeichnet, ist phylogenetisch der neueste Teil des Nervensystems. Er reguliert alle Nerven im Bereich des Gesichts, also alle Teile, die hauptsächlich in der Kommunikation aktiv sind. Dieser ventrale Vagus ist nur aktiv, wenn wir uns sicher fühlen! Dieser Punkt ist so wichtig für die Arbeit an den frühen Traumata. In den Selbstbegegnung der Anliegenmethode wird die Wirkung sehr deutlich.


Der ventrale Vagus als Teil des vagalen Systems moduliert

  1. unsere Fähigkeit, menschliche Stimmen aus Hintergrundgeräuschen herauszufiltern,

  2. den Augenkontakt,

  3. die Fähigkeit, Gesichter lesen zu können,

  4. unsere Gesichtsmuskeln für emotionalen Ausdruck,

  5. die Stimme.

  6. Er engagiert uns im sozialen Miteinander, dämpft aggressive Impulse

  7. und macht Selbstreflexion möglich.


Wie sich die Neurozeption beeinflussen lässt.

Die Neurozeption beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem Sicherheit und Gefahr durch Körper- und Sinnesempfindungen wahrnimmt. Dies geschieht relativ unabhängig von unseren bewussten Gedanken und Meinungen. Dennoch können wir Neurozeption indirekt beeinflussen, indem wir bestimmte Umweltreize nutzen, die von unserem ANS als sicher interpretiert werden. Einige dieser Reize sind:

  • Die Anwesenheit von Menschen im "Sicher und Sozial"-Zustand.

  • Melodiöse Stimmen und freundliche Mimik.

  • Langsame Atmung, insbesondere langsames Ausatmen.

  • Singen, Summen

  • Spazierengehen, besonders in der Natur.

Diese Methoden zur Beeinflussung unserer Neurozeption sind nicht neu, aber die Polyvagal-Theorie bietet eine neuropsychologische Erklärung und zeigt, wann welche Methoden besonders wirksam sind.




Das Höhlenmenschen-Gehirn in der modernen Welt.

Unsere Nervensysteme ähneln denen unserer Vorfahren, die in Stammesgemeinschaften in der Natur lebten und ständig auf mögliche Bedrohungen achten mussten. Die ängstlichsten und vorsichtigsten Individuen überlebten und gaben ihre Gene weiter. Gruppen waren der sicherste Ort, und Isolation oder Ablehnung bedeuteten potenziell den Tod. Daher lösen Ablehnung und Einsamkeit Stress aus, da sie als "Gefahr" codiert sind. Dies erklärt auch, warum Kinder trotz Missbrauch oder Vernachlässigung eine Verbindung zu ihren Eltern aufrechterhalten. Trennung von der Gruppe war lebensbedrohlich.


Die Herausforderungen unserer modernen Welt Unsere moderne Welt hat sich schneller entwickelt als unsere Gehirne. Wir sind ständig von einem Überfluss an Informationen und Reizen umgeben, die unsere Nervensysteme verarbeiten müssen. Dies führt zu erhöhter Aktivierung und Erschöpfung, da unser Nervensystem auf die Bewältigung der Herausforderungen der Stammesgemeinschaft ausgelegt ist. Unsere Nervensysteme müssen nun täglich überwältigende Mengen von Informationen verarbeiten, was Ängstlichkeit und Erschöpfung zur Folge hat.

Die moderne Welt mit ihrer Informationsflut und ständigen Reizüberflutung stellt eine enorme Herausforderung für unser Nervensystem dar. Es wurde ursprünglich darauf programmiert, mit den Herausforderungen einer Stammesgemeinschaft umzugehen, nicht mit den globalen Problemen und Informationen, denen wir heute begegnen. Unsere Nervensysteme sind auf den Wettbewerb mit einer begrenzten Anzahl von Stammesmitgliedern ausgelegt, nicht auf den ständigen Vergleich mit Tausenden von Menschen auf der ganzen Welt.

Die Anpassungsfähigkeit unseres Nervensystems


Trotz unserer biologischen Prägungen ist unser Nervensystem plastisch und anpassungsfähig. Dank der Erkenntnisse der Polyvagal-Theorie können wir aktiv daran arbeiten, die Aktivierungsmuster unseres Nervensystems positiv zu beeinflussen. Bevor wir jedoch unser Nervensystem gezielt beeinflussen können, müssen wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie es sich in den verschiedenen Zuständen der Ruhe, des Kampfes/der Flucht und des Erstarrens anfühlt. Dieses Bewusstsein ermöglicht es uns, unsere Reaktionen besser zu verstehen und gezielter zu steuern.


Die Bedeutung von gefühlter Sicherheit: Die Polyvagal-Theorie betont, dass gefühlte Sicherheit die Grundlage für unser Wohlbefinden ist. Wenn sich unser Nervensystem sicher fühlt, geht es uns gut. Daher ist es entscheidend, Wege zu finden, um diese gefühlte Sicherheit zu fördern.

Abschlussgedanken

Unsere Nervensysteme sind ein faszinierendes und komplexes System, das uns auf die Welt um uns herum reagieren lässt. Durch das Verständnis der Polyvagal-Theorie und die bewusste Anpassung unserer Umwelt und Verhaltensweisen können wir unser Nervensystem in einer modernen Welt unterstützen und für unser Wohlbefinden sorgen. Es ist ein fortwährender Prozess, aber die Belohnungen in Form von emotionaler Stabilität und innerem Frieden sind es wert, sich damit auseinanderzusetzen. Die Polyvagal -Theorie fließt in meine Arbeit mit ein.



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