Trauma der Identität & Trauma der Liebe
- Janine Baumann

- 6. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Wie frühe Verletzungen unser Ich-Gefühl und unsere Liebesfähigkeit prägen
In der Identitätsorientierten Psychotraumatheorie (IoPT) nach Prof. Franz Ruppert sprechen wir häufig vom Trauma der Identität und vom Trauma der Liebe – statt nur von „Bindungstrauma“ oder „frühem Trauma“.
Diese Begriffe beschreiben zwei zentrale Ebenen:
Identität: Wer bin ich? Bin ich überhaupt willkommen? Habe ich ein eigenes „Ich“ – oder bin ich nur Verlängerung der Bedürfnisse anderer?
Liebe: Kann ich lieben – mich selbst und andere – ohne mich dafür zu verlieren, aufzugeben oder zu verraten?
Auf dieser Seite zeige ich dir, was mit diesen Begriffen gemeint ist und wie sie sich mit dem verbinden, was ich auf meiner Seite „Bindungs- und Entwicklungstrauma“ beschreibe.
Wichtig: Du musst diese Begriffe nicht „richtig“ verwenden. Es sind Landkarten, die helfen sollen, dein Erleben besser zu verstehen – kein zusätzliches Label, das du tragen musst.
1. Was ist ein Trauma der Identität?
Unter Trauma der Identität versteht Ruppert frühe Verletzungen, die das Fundament unseres „Ich bin“ erschüttern. Dazu gehören zum Beispiel Situationen, in denen ein Kind:
nicht gewollt ist oder nur „aus Versehen“ entstanden ist
in einer Atmosphäre von Abtreibungsüberlegungen, Ablehnung oder massiven Ängsten gezeugt oder ausgetragen wird
von Anfang an spürt: „Hier ist kein klares Ja zu mir.“
Schon im Mutterleib nimmt ein Kind sehr genau wahr, ob es innerlich willkommen ist oder eher als Belastung erlebt wird. Identität heißt hier:
„Ich darf da sein – als ich selbst, mit meiner eigenen Geschichte.“
Wenn dieses Grund-Ja fehlt oder stark erschüttert ist, kann sich ein Identitätstrauma zeigen:
das eigene Dasein fühlt sich falsch, zufällig oder „irgendwie nicht richtig“ an
es fehlt ein innerer Boden, ein klares „Ich bin“
man versucht, Identität über Rollen, Leistung oder Anpassung zu bekommen: „Ich bin der/die Starke, die Lustige, der Funktionierende, die Fürsorgliche …“
Ruppert beschreibt Identität als Summe aller bewältigten und unbewältigten Erfahrungen – vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an. Wenn wir Teile unserer Geschichte ausblenden oder verleugnen, können wir nicht ganz bei uns ankommen.
2. Was ist ein Trauma der Liebe (Symbiosetrauma)?
Ein Trauma der Liebe entsteht, wenn ein Kind zwar da ist, aber keinen emotional verlässlichen Halt in seinen wichtigsten Bezugspersonen findet – meist in der Mutter, manchmal auch im Vater oder anderen primären Bezugspersonen.
Typisch ist:
Die Mutter oder der Vater sind selbst stark traumatisiert, depressiv, überfordert oder emotional nicht erreichbar.
Das Kind erlebt existenzielle Abhängigkeit bei gleichzeitig massivem Mangel an emotionaler Zuwendung.
Es hungert nach Liebe, Trost und Verbundenheit – und bekommt doch immer wieder Kälte, Unverfügbarkeit oder Angst zu spüren.
Das Kind entwickelt dann Überlebensstrategien wie:
sich extrem anstrengen, um doch noch gesehen und geliebt zu werden
sich innerlich aufgeben und anpassen, um Konflikte zu vermeiden
Gefühle und Bedürfnisse abspalten, um die Eltern zu schützen
Von außen können solche Menschen später sehr leistungsfähig, hilfsbereit oder „pflegeleicht“ wirken – innerlich fühlen sie sich oft erschöpft, leer, abhängig oder beziehungsunfähig.
Ruppert beschreibt es so:Die vorbehaltlose Liebesfähigkeit des Kindes wird verletzt – und damit die Fähigkeit, sich selbst und andere wirklich zu lieben.

3. Spaltung – wie Psyche und Körper versuchen zu überleben
Ein zentrales Bild der IoPT ist das Spaltungsmodell:Wenn Erfahrungen zu überwältigend sind, um sie zu verarbeiten, spaltet die Psyche sie ab – sie werden in „innere Räume“ verschoben, zu denen wir im Alltag keinen direkten Zugang mehr haben.
Grob vereinfacht unterscheidet Ruppert drei Arten von Anteilen:
Gesunder Anteil
unsere angeborene Lebenskraft, Klarheit, Intuition, Fähigkeit zu lieben
kann sich weiterentwickeln, auch wenn viel Schlimmes passiert ist
Trauma-Anteile
tragen den ursprünglichen Schmerz, die Todesangst, Ohnmacht, Verzweiflung
werden abgespalten, weil sie damals nicht auszuhalten waren
Überlebensanteile
all die Strategien, mit denen wir versuchen, den traumatischen Schmerz nicht zu fühlen
z.B. Perfektionismus, Helfersyndrom, Harmoniestreben, Rückzug, Kontrolle, Leistungsdruck, Sucht, Kälte
Überlebensstrategien waren einmal lebenswichtig – sie haben uns durch Situationen gebracht, in denen wir als Kind keine andere Wahl hatten. Langfristig führen sie jedoch dazu, dass:
wir uns selbst nicht mehr spüren
Beziehungen anstrengend werden
Krankheiten, Schmerzen oder Erschöpfung entstehen, ohne dass wir den Zusammenhang sehen
Die IoPT möchte diese Spaltungen sichtbar machen – nicht, um sie zu verurteilen, sondern um zu verstehen:
„Warum mache ich das so? Was habe ich damals gebraucht? Und wie kann ich heute anders für mich sorgen?“
4. Trauma der Identität & Liebe – Verbindung zu Bindungs- und Entwicklungstrauma
Wenn du meine Seite zu Bindungs- und Entwicklungstrauma kennst, merkst du wahrscheinlich:Inhaltlich sprechen wir vom Gleichen – nur in einer anderen Sprache.
Bindungstrauma / frühes Trauma = Trauma der Liebe
frühe, unsichere oder verletzende Bindung, fehlende emotionale Verfügbarkeit, chronischer Stress im Beziehungssystem
Entwicklungstrauma = die Spuren, die sich durch alle Entwicklungsphasen ziehen
Bedürfnisse, Autonomie, Identität, Beziehungen, Selbstwert
Trauma der Identität = wenn bereits auf der tiefsten Ebene „Ich bin“ etwas gebrochen oder nie richtig entstehen konnte
z.B. ungewollte Schwangerschaft, Ablehnung, Adoption ohne gute Begleitung, extreme Verunsicherung in der frühen Lebenszeit
Ich nutze auf meiner Website bewusst die begriffe Bindungs- und Entwicklungstrauma, weil sie für viele Menschen leichter zugänglich sind.
Die Begriffe Trauma der Identität und Trauma der Liebe sind für mich eine zusätzliche Brille, mit der wir deine Geschichte anschauen können – besonders, wenn du schon mit IoPT Erfahrungen gemacht hast oder dich von dieser Sprache angesprochen fühlst.
5. Wie zeigt sich ein Trauma der Identität / Liebe im Alltag?
Jede Biografie ist einzigartig – und kein Symptom „beweist“ allein ein Trauma. Trotzdem gibt es typische Muster, die viele Menschen kennen:
In der Beziehung zu dir selbst
tief sitzende Gefühle von „Ich bin falsch“, „Ich bin nicht genug“, „Ich bin eine Last“
starke Scham- und Schuldgefühle, oft ohne klaren Auslöser
Schwierigkeiten, den eigenen Körper zu bewohnen, sich zu spüren, sich zu mögen
innere Leere, Sinnlosigkeit, das Gefühl, „kein echtes Ich“ zu haben
In Beziehungen
du passt dich stark an, um geliebt zu werden
du übernimmst viel Verantwortung für die Gefühle anderer
du gerätst immer wieder in Täter-Opfer-Dynamiken – als Opfer, als Retterin oder manchmal auch als Täterin
Nähe ist gleichzeitig sehr sehnsüchtig gesucht und sehr bedrohlich
Im Alltag und im Körper
chronische Anspannung, Schlafstörungen, diffuse Schmerzen, psychosomatische Beschwerden
hoher Leistungsdruck, Perfektionismus, Kontrollbedürfnis – und trotzdem das Gefühl, nie anzukommen
depressive Phasen, Burnout, innere Erschöpfung
Viele Klient*innen sagen Sätze wie:
„Ich verstehe kognitiv so viel – und trotzdem laufe ich immer wieder in die gleichen Muster.“„Irgendwas in mir scheint an einer alten Geschichte festzuhalten.“
Genau hier setzt die IoPT an.
6. Wie arbeitet die IoPT? – Die Anliegenmethode
Die Anliegenmethode ist ein zentrales Werkzeug der IoPT.
Du formulierst einen kurzen Satz, der das ausdrückt, was dich gerade bewegt, z.B.:
„Ich will Nähe zulassen.“
„Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere?“
„Ich möchte verstehen, warum ich mich in Beziehungen immer aufgebe.“
Aus diesem Satz wählen wir einzelne Worte oder Wortgruppen aus, die im Prozess eine Rolle spielen sollen – zum Beispiel „Ich“, „Nähe“, „zulassen“.
In der Gruppensitzung gehen andere Menschen in Resonanz mit diesen Worten; in der Einzelarbeit arbeiten wir mit Bodenankern und ggf. mit mir als Resonanzperson. Du begegnest damit deinen inneren Anteilen – deinen gesunden, deinen traumatisierten und deinen überlebenden Seiten – im Außen.
Wichtig dabei ist:
Es geht nicht darum, „die Vergangenheit nachzuspielen“.
Es geht darum, in einem sicheren Rahmen wahrzunehmen, wie es diesen Anteilen heute geht – im Körper, in den Gefühlen, in den Gedanken.
Überlebensstrategien werden sichtbar und spürbar: Dissoziation, Verwirrung, Helfen, Kontrollieren, Kaltwerden, Weglachen, etc.
Gleichzeitig wird der gesunde Anteil gestärkt: der Teil in dir, der fühlen, verstehen und heute Entscheidungen treffen kann.
Je klarer du erkennst: „Aha, das ist eine alte Überlebensstrategie“, desto weniger musst du sie unbewusst im Alltag wiederholen.
7. Was ist das Ziel dieser Arbeit?
Das Ziel ist nicht, eine „perfekte“ Identität zu basteln oder die Vergangenheit schönzureden.
Es geht darum:
dein Ich wieder zum Bezugspunkt deines Lebens zu machen
die Wahrheit deiner Geschichte zu würdigen – ohne sie zu dramatisieren, aber auch ohne sie zu verharmlosen
den gesunden Anteil in dir zu stärken, der Mitgefühl für das verletzte Kind in dir entwickeln kann
deine Liebesfähigkeit zurückzugewinnen: zu dir selbst und zu anderen
Oder in Ruppert-Sprache:
Weg von Täter-Opfer-Verstrickungen, hin zu einem klaren, liebenden Umgang mit dir selbst und deinem Umfeld.
8. Die gute Nachricht
Bei allem Schweren, über das wir hier sprechen, gibt es eine zentrale Botschaft, die mir sehr wichtig ist:
Es gibt immer einen gesunden Anteil.
Wie Ruppert es ausdrückt: Unsere Psyche ist lernfähig, und wir haben trotz allem immer einen Teil behalten, der leben, lieben und sich entwickeln möchte. Dieser Teil ist die Basis für jeden Heilungsweg.
Jeder Heilungsprozess – ob mit IoPT, mit Körperarbeit, EMDR, Hypnose oder Beziehungstherapie – ist am Ende immer ein Selbstheilungsprozess deines Organismus. Wir schaffen gemeinsam die Bedingungen, unter denen dein System nachreifen, integrieren und weicher werden darf.
9. Wichtig: Es geht nicht um Schuldzuweisung
Trauma ist oft ein Familienerbe
Trauma entsteht selten im luftleeren Raum. Deine Eltern hatten eigene Geschichten, eigene Verletzungen, eigene Überforderungen. Wenn wir auf deine Kindheit schauen, tun wir das nicht, um sie anzuklagen, sondern um zu erkennen, welche Lasten du getragen hast – und welche vielleicht schon Generationen vor dir da waren. Du darfst klar benennen, was dir gefehlt oder wehgetan hat, ohne deine Eltern zu verteufeln. Heilung bedeutet, die Verantwortung für dein Leben zu übernehmen und die Weitergabe von Trauma an die nächste Generation zu unterbrechen.
10. Wenn du dich in diesem Text wiederfindest …
Wenn du beim Lesen merkst:
„Das trifft mich irgendwie mitten ins Herz“
„Da scheint jemand meine innere Landschaft zu kennen“
… dann ist das kein Beweis, dass „mit dir etwas nicht stimmt“, sondern eher ein Zeichen dafür, dass dein System beginnt, sich selbst ernster zu nehmen.
Du kannst:
zuerst in Ruhe im Bereich „Trauma verstehen“ weiterlesen
oder dir in einer Einzel- oder Paartherapie einen sicheren Raum nehmen, in dem wir gemeinsam schauen, welche Anteile sich zeigen wollen und was sie heute brauchen.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen. 🌿
Häufige Fragen zu Trauma der Identität und Trauma der Liebe
Was bedeutet „Trauma der Identität“ in einfachen Worten?
Ein Trauma der Identität entsteht, wenn sehr früh in deinem Leben kein klares inneres „Ja“ zu deinem Dasein spürbar war – zum Beispiel, wenn du nicht wirklich gewollt warst, abgelehnt wurdest oder deine wichtigsten Bezugspersonen selbst stark traumatisiert waren. Dann kann sich dein „Ich bin“ brüchig, falsch oder zufällig anfühlen, und du versuchst, Identität über Rollen, Leistung oder Anpassung zu bekommen.
Woran erkenne ich ein Trauma der Identität oder der Liebe?
Hinweise können sein: ein tiefes Gefühl, „nicht richtig“ zu sein, starke Scham oder Schuld ohne klaren Grund, das Empfinden, kein stabiles Ich zu haben, oder immer wieder sehr anstrengende Beziehungsdynamiken. Beim Trauma der Liebe zeigen sich oft Muster wie Überanpassung, starke Abhängigkeit, Angst vor Nähe und gleichzeitig Angst vor Verlassenwerden, oder das Gefühl, immer wieder in ähnliche verletzende Beziehungen zu geraten. Keine einzelne Reaktion „beweist“ ein Trauma – wichtig ist, ob du dich in der Gesamtheit der Beschreibungen wiedererkennst.
Ist Trauma der Identität dasselbe wie Bindungstrauma oder Entwicklungstrauma?
Die Begriffe beschreiben verwandte Erfahrungen, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Bindungs- und Entwicklungstrauma betonen unsichere, überfordernde Beziehungen und fehlende Unterstützung in verschiedenen Entwicklungsphasen der Kindheit. Trauma der Identität und Trauma der Liebe (IoPT) benennen speziell die Verletzung deines Grundgefühls „Ich bin“ und deiner Liebesfähigkeit in diesen frühen Bindungen. In der Praxis ergänzen sich die Modelle – sie schauen auf dieselben Wunden aus leicht verschiedenen Perspektiven.
Kann man ein Trauma der Identität oder der Liebe heilen?
Ja – im Sinn von: Dein Nervensystem kann sich beruhigen, dein Ich-Gefühl kann stabiler werden, und deine Beziehungen können klarer und nährender werden. Die Vergangenheit bleibt, wie sie war, aber du kannst heute Schritt für Schritt neue Erfahrungen machen: mit dir selbst, mit deinen Gefühlen und in Beziehung zu anderen. In der IoPT arbeiten wir dabei vor allem mit deinem gesunden Anteil, der lernen kann, traumatisierte Anteile zu fühlen und Überlebensstrategien loszulassen, ohne dass du wieder überflutet wirst.
Was passiert in einer Arbeit mit der Anliegenmethode?
Zu Beginn formulierst du ein kurzes Anliegen, das ausdrückt, was dich gerade beschäftigt – zum Beispiel: „Ich möchte verstehen, warum ich mich in Beziehungen immer aufgebe.“ Aus einzelnen Worten dieses Satzes entwickeln wir einen Prozess, in dem du mithilfe von Resonanz (in der Gruppe oder im Einzelsetting mit Bodenankern) deinen inneren Anteilen begegnest: gesunden, Trauma- und Überlebensanteilen. Ziel ist nicht ein Rollenspiel der Vergangenheit, sondern ein bewusstes Erleben im Hier und Jetzt: Du spürst klarer, was damals passiert ist, welche Strategien du heute noch wiederholst – und was dein gesunder Anteil heute braucht, um anders für sich zu sorgen.
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